Storytelling verzaubert Daten

Wie Algorithmen neugierige Geschichten schreiben.


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Darum geht es im Podcast Nr. 5:

Investiere 30  Minuten und du hörst:

  1. Wie du aus Sensoren und Daten prägnante Stories gestaltest.
  2. Warum Bewegungsdaten den perfekten Moment zum publizieren vorgeben.
  3. Weshalb du mit den Wünschen der Nutzer das Storytelling überprüfst.
  4. Wann Emotionen ein persönliches Happy End erzeugen.
  5. Wie Neugier vor Filterblasen, Komfortzonen und Gewöhnung schützt.

Im fünften Podcast berichten wir live aus der Akademie für Pubilzistik in Hamburg. Bei der Veranstaltung „Daten schürfen, User locken“ diskutierten Karla Paul, Marco Maas und Björn Erichsen über Storytelling durch Daten und Sensoren. Ein idealer Ort für die Recherche zu unserem Buch über Neugier.

Geschichten erzählen mit Algorithmen? Das klingt als würde der Teufel im Weihwasser baden! Doch, wer idealistische Grundsatzdebatten über Roboterjournalismus und Medienethik erwartet hatte, wurde enttäuscht. Glücklicherweise. Vielmehr präsentieren alle drei Diskutanten, wie Datenmanagement zu flammendem Storytelling wird.

Daten schürfen, User locken

Die wichtigsten Thesen des Podcasts haben wir hier für dich zum Nachlesen:

Nutze Daten und Sensoren zum Storytelling

Was machen Kühe nachts im Stall? Ist ihnen langweilig, wenn sie den ganzen Tag auf der Wiese stehen? Sind Kühe auf dem Biohof entspannter als im Großbetrieb?

3 Kühe, 3 Höfe, 30 Tage – mit dieser tierischen Variante von Big Brother hat Björn Erichsen das neue Format der Sensorstories geschaffen. Die Hauptdarsteller Uschi, Emma und Connie berichteten als Superkühe aus ihrem Alltagsleben. Durch Sensoren und Kameras stand ihr Leben als Kuh im Mittelpunkt der Reportage. Vom Kuhtagebuch über den persönlichen Chatbot und Live-Videos wurde die gesamte Klaviatur des Storytellings gespielt. Das nüchterne Format der Bewegungsdaten und Sensoren wandelte sich in eine Alltagsreportage.

Storytelling mit Daten und Sensoren

Nun sind Live-Reportage und Porträts wahrlich keine Neuerfindung im Storytelling. Was dieses Projekt so interessant macht, sind die Hauptdarsteller mit ihrer Datengrundlage. Die Story mit Kühen durchzuführen schafft Neugier und Irritation. Tierschützer und Fleisch-Hedonisten vereinten sich gleichermaßen um dieses „Internet der Tiere“. Kontroverse Diskussionen inklusive! Durch die Sensordaten als Fundament der Geschichte, haben die Autoren  von Beginn an Transparenz geschaffen. Sie stehen mit den Daten neutral allen Meinungslagern gegenüber.

Was heißt das für dein Storytelling?

  • Wähle Hauptdarsteller, die bei vielen unterschiedlichen Zielgruppen Emotionen, Irritationen und kognitive Dissonanzen erzeugen.
  • Nutze Sensordaten als neutrales Herzstück der Geschichte, mit denen du Transparenz und Neutralität gegenüber ideologischen Diskussionen wahrst.
  • Gestalte das Datenmaterial nach den Anforderungen der Kommunikationskanäle (Chatbot, Facebook-Videos, Blogs, etc.)

Mit Bewegungsdaten erwischst du den perfekten Moment

Gib mir die passende Information zur richtigen Zeit. Das Mission Statement aller digitalen Services ist auch die Maxime von Marco Maas. Entsprechend sind Bewegungsdaten auch das Lebenselixier für sein Projekt Xminutes. Die App gibt dem Nutzer perfekt konfektionierte Info-Häppchen im richtigen Moment.

3 Minuten Zeit an der Ampel? 20 Minuten Zeit im Badezimmer? 45 Minuten Zeit bei der Bahnfahrt? Für jeden Augenblick die richtigen Nachrichten. Dank Bewegungsdaten, Klickverhalten und Interesse entscheidet der Algorithmus welche News angezeigt werden. Die App befindet sich zur Zeit in der Beta-Phase. Grundlage ist die Technik von Open Data City, mit der zahlreiche Projekte im Datenjournalismus bereits visualisiert worden sind.

Der Knackpunkt bleibt hierbei, an die Bewegungsdaten und das Klickverhalten einer relevanten Masse zu kommen. Interessanterweise hat der Tourismus einen schlummernden Riesen in seinen Reihen. Das vielfältige System der digitalen Gästekarten und Welcome-Cards ist ein El Dorado für Bewegungsdaten im Urlaub.

Was heißt das für dein Storytelling:

  • Deine perfekte Story bringt dir nichts, wenn du nicht den richtigen Moment beim Nutzer erwischt.
  • Plane im Vorfeld die nötige Infrastruktur, um Standort- und Bewegungsdaten erfassen zu können.
  • Schaffe Vertrauen und zeige Transparenz für dein Projekt – sie sind der Türöffner für die Einwilligung des Gastes.

Momente der Wahrheit im Storytelling und Neugier

Durch die Wünsche der Nutzer entsteht die Story

Schreib die Geschichte so wie sie mir gefällt! Dieses hehre Ziel jeder Leser ist auch für Autoren kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Algorithmen, die perfekte Storylines erkennen, Crowdsourcing-Portale, die die Weisheit der Masse nutzen oder Reading Analytics zum Auswerten von Leseverhalten – die Datenmengen sind schier unbegrenzt.

Karla Paul hat eindrucksvoll dargestellt: Die Zeiten, in denen eine Geschichte im stillen Kämmerlein geschrieben wird, sind lange vorbei. Vielleicht hat es sie aber auch nie gegeben. Unstrittig ist aber die Dynamik mit denen heute Storytelling automatisiert berechnet werden kann.

Auf Portalen wie Wattpad entscheiden Leser schon vorab, ob eine Geschichte es wert ist, weitergeschrieben zu werden. Mit Jellybooks wird das Leseverhalten des Nutzers per Reading Analytics ausgewertet (Ein Schelm, wer dabei an Amazon und seine Kindle-Lesedaten denkt.). Mit Qualifiction will ein Hamburger Start-Up die Bestseller-DNA errechnen können. Der Bucherfolg als Software-Vorhersage.

Emotionen und Bedürfnisse lenken das Storytelling

Nimmt man nun den unaufhaltsamen Trend der Content-Automatisierung hinzu, darf wohl die Daseinsberechtigung eines Autors und Redakteurs ernsthaft hinterfragt werden. Für Karla Paul wandelt sich der Schreibende noch stärker vom Textproduzenten zum Regisseur und Dirigenten seiner Story.

Was heißt das für dein Storytelling:

  • Binde so früh wie nötig Leser in dein Projekt mit ein. Nimm ihre Urteilskraft und Wünsche als Leitplanken für die Story.
  • Erfasse auf allen digitalen Präsenzen das Leseverhalten deiner Nutzer. Deren Scrollgeschwindigkeit, Klickverhalten und Lesezeit ist der Gradmesser für Neugier und Interesse.
  • Scheue nicht die Content-Automatisierung. Überraschungen, bewusste Konflikte und Konfusionen im Storytelling bleiben das Meisterwerk des Regisseurs. Die pure Texterstellung nicht mehr.

 

Die Emotionen deiner Nutzer führen zum Happy End

Algorithmen erkennen den besten Moment zu Lesen. Wünsche und Bedürfnisse der Leser beeinflussen die Geschichte. Warum wird die Story nicht gleich individuell für jeden Leser? Auch wenn hier noch ein Blick in die Glaskugel gewagt wird. So weit entfernt scheint dies Szenario nicht mehr. Personalisiertes Storytelling, das sich in Echtzeit an den Leser anpasst.

Für manchen Autor und Redakteur mag dies zur Horrorvorstellung werden. Doch smarte Chatbots, die durch künstliche Intelligenz ihre Inhalte verändern, geben schon eine kleine Vorahnung. Auch der viel diskutierte Roboterjournalismus und Content-Automatisierung werden durch smarte Technologien immer variabler. Zumindest für digitale Kampagnen, die Elemente des Storytellings enthalten, sind wir hier schon sehr nah am Alltag.

Was heißt das für dein Storytelling?

  • Denke deine Stories von Beginn an variabel. Gestalte Handlungsstränge und Charaktere so individuell, dass eine Personalisierung und Individualisierung möglich ist.
  • Verlängere deine Geschichten in Dialogkanäle, in denen eine individuelle Storyline bereits – in Ansätzen – möglich ist (Beispiel Chatbots).

Neugier befreit deine Nutzer aus der Filterblase

Möchte ich als Leser wirklich nur das lesen, was ich immer lese? Will ich nur die Charaktere sehe, die ich immer sehe? Kann ich nur die Produkte kaufen, die ich immer kaufe? Wieviel Filterblase ist gut für die Nutzer und wann wird ihnen langweilig?

Leser, Konsumenten, Nutzer – wie immer wir dies „unbekannte Wesen“ nennen. Es lebt gern in seiner Komfortzone. Jede Veränderung droht mit Argwohn beachtet zu werden. Nicht außergewöhnliche Qualität gewinnt, sondern die Konformität der Masse. So scheint es zumindest.

Doch dies wäre gleichzeitig das Ende der Überraschung und des Entdeckens. Übrigens auch der Neugier … was für das Schreiben unseres Buches nicht ideal wäre. 🙂

Neugier holt Nutzer aus der Filterblase, Komfortzone und Gewöhnung

Der Schlüssel liegt unseres Erachtens in den Grenzerfahrungen der Komfortzone. Komplette Gleichartigkeit und das Fehlen von Abwechslung führt unweigerlich zur Gewöhnung. Zum wiederholten Mal die gleiche Story, mit identischen Charakteren und vorausschauendem Ende wird keinen Nutzer langfristig binden.

Es ist die Chance durch Daten und Algorithmen diese Gewöhnung frühzeitig zu vermeiden. Dem Nutzer in kleinen sanften Schritten aus der eigenen Filterblase raus zu locken. Nicht zu schnell und heftig, um ihn nicht zu verschrecken. Je besser smarte Technologien den Nutzer kennen, desto genauer können diese Schritte aus der Komfortzone gestaltet werden. Die Neugier fesselt und führt ihn.

Viel Spaß beim Hören!

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Wer ist hier neugierig?

Stefan Niemeyer

Julia und Stefan sammeln neugierige Momente im Marketing. Stefan ist Senior Conversion Architekt bei neusta etourism in Bremen. Warum er auf 🎸 🇺🇸 👻 🤔 🏰 neugierig ist? Erfahre mehr über Stefan

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