Neugierig auf Neugier

Warum Dich Neugier ansteckt.

Neugier ist wie Schokolade. Nur krasser. Sie macht uns glücklich. Einmal erlebt, können wir nicht mehr aufhören. Wir wollen immer mehr davon. Sie hat uns im Griff. In jedem Moment unseres Lebens sind wir neugierig. Nicht immer merken wir es sofort. Doch die Neugierde ist allgegenwärtig in uns. Mal wissbegierig für Neues, mal auf der Suche nach Bestätigung unseres Könnens.

„Sei nicht so neugierig“ – schallt es mir von meiner Oma entgegen. Das sind dann mal wieder ein paar bohrende Fragen zu viel gewesen. Doch, warum sitzt die Nachbarin den ganzen Tag am Fenster und beobachtet? Ist Neugierde das wichtigste Einstellungskriterium für einen Concierge im Hotel? Sind wir nicht alle ein bißchen „Eva“ und hätten in den grünen Apfel gebissen, wenn Adam uns gelangweilt hat?

Worin liegt nun der Reiz, sich in einem ganzen Blog mit Neugier zu beschäftigen? Und dann auch noch ein Buch darüber zu schreiben?

Für Neugierige:

Investiere  10  Minuten in diesen Artikel und du erfährst:

  • Neugier ist eine Glücksdroge, die wahre Hochgefühle in deinem Gehirn erzeugt.
  • Neugier motiviert dich Erklärungen zu finden, wenn Deine Erwartungen verletzt werden.
  • Ein Stimulus ist die Voraussetzung, damit du neugierig wirst.
  • Du bist neugierig, um neue Sinneseindrücke zu erhalten, um Wissen zu vertiefen oder um Gefühle von Angst und Scham zu beseitigen.
  • Mit deiner Neugier entfliehst du Langeweile oder Überforderung und strebst nach innerer Ausgeglichenheit.
  • Du kehrst immer zu dem Stimulus und Ort zurück, der dich neugierig gemacht hat.

Willst du es genauer wissen? Dann viel Spaß beim Lesen:

Was ist die Magie von Neugier?

Dank der Neugier streben wir danach unsere persönlichen Grenzen immer wieder auszuloten. Hin und wieder sogar zu überschreiten. Wir bringen in Erfahrung, was wir noch nicht kennen oder noch nicht zu denken gewagt haben. 

„Die Glücklichen sind neugierig.“
Friedrich Nietzsche

Neugier ist wie eine Droge, die uns süchtig macht. Mit dem Unterschied, dass diese Droge ziemlich gesund ist.

Der amerikanische Neurowissenschaftler Irving Biedermann spricht sogar von einer Sucht. Es macht uns regelrecht „high“, wenn wir neue Zusammenhänge erlernen und verstehen. Im Moment der Erkenntnis setzt unser Gehirn körpereigene Opiate frei, die zu einem puren Hochgefühl führen. Diese motivieren uns immer neues Wissen aufzusaugen. So kehren wir auch immer an den Ort zurück, an dem wir „die Droge Neugier“ erlebt haben.

Was ist Neugierde eigentlich?

„Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm.“ – genauso wie Lehrer Brömmel in der Feuerzangenbowle vom „jroßen schwarzen Raum“ sprach, ist es auch mit der Neugierde. Wir stellen uns ganz dumm und blicken fasziniert auf ihr Treiben.

Bei Prof. Dr. Norbert Groeben bin ich auf eine Definition von Neugier gestossen, die es sehr gut zusammenfasst: „Neugier wird als motivierende Kraft angesehen, die durch Erwartungsverletzungen ausgelöst wird und eine Suche nach Erklärungen stimuliert“ (Germanistik in der Medienwissenschaft, 1994).

Denn Neugier motiviert uns kontinuierlich neue und ungewohnte Situationen zu bewältigen. Als neugierige Menschen haben wir eine hohe Bereitschaft komplexe Lösungen zu finden. Dieser „Reizhunger“ verbindet sich oft mit kulturellen Motiven wie dem Spieltrieb, Freiheitsdrang oder Wissensdurst. Ja, Neugier macht uns überlebensfähig. Schon als Säuglinge betasten wir wenige Stunden nach der Geburt unseren ganzen Körper. Insbesondere unser Gesicht und die Mundregion interessieren uns. Wohlweislich, dass wir auf dem ersten Selfie auch schick aussehen.

Wir sind also neugierig, um möglichst viel zu entdecken und uns in der Welt zu orientieren. Mit diesem Antrieb und Verhalten streifen wir all zu oft in des Neugiers größten Gegner: die Angst. Haben wir es wieder einmal übertrieben mit der Entdeckung ist es nur ein kleiner Schritt, dass wir uns fürchten. Von der Furcht wechseln wir dann auch noch in die Scham. Diese Störungen sind wahre Neugierkiller und machen uns antriebs- und interessenslos.

Flammarions Holzstich die Neugierigen erforschen neue Welten

Mit dem Mut der Neugier überwinden wir die Angst und entdecken neue Welten und Erkenntnisse.
(Quelle: Fammarions Holstich aus L’atmosphère. Météorologie populaire, 1888)

Doch bevor es soweit kommt, sollten wir uns erstmal überlegen, wie Neugier entsteht.

Warum werden wir neugierig?

Zunächst verfolgt uns eine allgemeine Eigenschaft des Menschen: Wie es große und kleine Menschen gibt, so gibt es auch neugierige und weniger neugierige. Diese Unterschiede können durch die Erziehung, das soziale Umfeld oder genetisch bedingt sein. Neugier ist manchmal eine Eigenschaft und manchmal ein Zustand. Fördern wir sie, kann sie wachsen. Lassen wir sie veröden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir nicht mehr neugierig sind.

Blicken wir tief zurück in die Forschung, wurde Neugier anfänglich als spezifischer Trieb angesehen (Lesetipp: McDougall 1908; Murray 1938). Doch diese Erklärung reichte bald nicht mehr aus. Denn ein Trieb möchte befriedigt werden und somit – für den Moment – reduziert werden. Ja, der sexuelle Trieb ist hier sicher jedem bekannt. Doch bei der Neugierde sehnen wir uns danach, immer mehr Wissen und Erfahrung zu erlangen. Dieser Hunger auf „mehr“ führte die Neugier viel stärker in die Motivationstheorie und Verhaltensforschung.

Klaus Schneider und Heinz-Dieter Schmalt sprachen 1994 davon, dass Neugier ein biogenes Motivsystem ist, welches uns in der Evolution immer Anpassungsvorteile beschert.

Unsere Neugier ist hierbei intentional getrieben. Wir wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Das kann die Antwort auf eine Frage sein oder die Erfahrung eine besondere Tätigkeit endlich ausgeübt zu haben. Nun wird im Kopf unser Belohnungssystem aktiviert. Denn wir wissen aus der Erfahrung was für ein schieres Glücksgefühl die Antwort auf unsere Neugier auslösen kann.

Kognitive Dissonanzen und die Sehnsucht nach Harmonie beflügeln ebenfalls unsere Neugier. Unsicherheiten oder Unstimmigkeiten erregen uns so stark, dass wir neugierig darauf drängen sie wieder in Harmonie zu bringen.

Der Stimulus zur Neugier

Um erstmal neugierig zu werden, benötigen wir einen Stimulus. Dieser Stimulus weckt unsere Neugier.

Der Stimulus oder Neugiertrigger ist der Schlüssel, um Resonanz zu erzeugen. Es ist das glitzernd verpackte Geschenk zu Weihnachten, das wir unbedingt aufmachen wollen. Oder eben die berühmte Tür, die wir nicht öffnen dürfen … und der Neugier doch erliegen.

Das Märchen von Blaubart und dem Schicksal der Neugier

„Du kannst dich im ganzen Haus amüsieren, nur öffne nicht die kleine Kammer“, sagt Blaubart zu seiner Frau. Doch die Neugier war zu stimulierend …
(Quelle:  Holzstich aus Les Contes de Perrault, dessins par Gustave Doré, 1862)

Daniel Berlyne ist es gewesen, der 1960 ein Neugiermodell vorstellte, auf das auch heute noch häufig verwiesen wird. Berlyne beschreibt Neugier als Bestreben Informationen zu neuen und unklaren Sachverhalten zu erhalten. Wir tun dies, um einen Zustand der subjekten Unsicherheit und Ungewissheit zu überwinden.

Die Unsicherheit und Ungewissheit wird durch den Stimulus erzeugt. Es ist dieser Anreiz, der uns unruhig macht. Wir sehen etwas. Wir fühlen etwas. Oder wir hören etwas. Mal werden unsere Gefühle angesprochen. mal unsere Gedanken oder es ist ein fester Gegenstand. Die Art des Stimulus kann sehr unterschiedlich sein.

Nach Berlyne stimulieren vier Umweltfaktoren maßgeblich unsere Neugier: Die Neuartigkeit oder die Komplexität eines Stimulus, die Ungewissheit, ob bestimmte Ereignisse eintreten oder ein Konflikt zwischen verschiedenen Reaktionen.

Catch it and hold it

Entscheidend für den „Neugier-Faktor“ des Stimulus ist seine Nachhaltigkeit. Erregt der Stimulus nur kurz unsere Aufmerksamkeit? Oder beschäftigen wir uns intensiver damit? Ist der Überraschungswert stark genug?

Sehr anschaulich erleben wir dies tagtäglich mit der Catch- und Hold-Komponente. Der Pädagoge und Philosoph John Dewey stellte schon 1913 einen Unterschied fest zwischen flüchtiger Aufmerksamkeit und intensivem Interesse. Mit der Catch-Komponente löst ein Stimulus einen ersten Anreiz aus. Die Hold-Komponente führt dann zur eigentlichen Motivation, sich näher mit der attraktiven Wirkung des Stimulus zu beschäftigen.

Wer nun parallelen zu seinem Liebesleben entdeckt und manchen One-Night-Stand hinterfragt, mag nicht falsch liegen.

Was für Arten von Neugier gibt es?

Berlyne leitet daraus zwei große Neugierarten ab. Einerseits die epistemische Neugier: Diese beschreibt unsere Suche nach neuem Wissen und Erkenntnis.
Andererseit die perzeptuelle Neugier mit der Suche nach Sinneseindrücken oder Erfahrungen.

Bei beiden Neugierarten lässt sich noch der gerichtete und ungerichtete Zustand unterscheiden. Bei der gerichteten (spezifischen) Neugier ist es ein ganz bestimmter Reiz oder eine konkrete Frage, die uns neugierig macht. Bei der ungerichteten (diversiven) Neugier lassen wir uns eher durch Langeweile treiben.

 

Arten der Neugier - epistemisch und perzeptuell neugierig werden(Quelle: Arten der Neugier nach Berlyne, Zeichnung: Stefan Niemeyer)

Wird Neugierde als Gesamtprozess betrachtet, so lassen sich drei Stufen ableiten:

1. Die diverse-perzeptuelle Neugier

Die diverse-perzeptuelle Neugier ist unsere ständige Suche nach dem neuen Kick. Wir neigen dazu, uns in Situationen zu begeben, die uns herausfordern und stimulieren. Das Ziel bleibt neues Wissen und Lernen.

2. Die spezifisch-epistemische Neugier

Bei der spezifisch-epistemischen Neugier befinden wir uns bereits in einer sehr stimulierenden Situation. Jetzt wollen wir immer tiefer eintauchen und ein umfassendes Verständnis erlangen. Hier setzt die Wissbegierde als Folge der Neugier an.

3. Die Neugier als Gefühl der Deprivation

Beim Gefühl der Deprivation entwickeln wir Neugierde, um Unsicherheiten oder sogar Scham abzubauen. Wir setzen uns mit neuem Wissen auseinander, weil wir merken, dass die bestehenden Kompetenz nicht mehr ausreicht.

 

Was ist der Vorteil von Neugier?

Wir lernen besser, wenn wir neugierig sind. Denn die Neugierde entspringt direkt unserem Lustgefühl. Je stärker unsere Lust, desto größer die Neugier und somit auch der Lernerfolg.

Macht uns die Neugier nun zu besseren Menschen? Mitnichten. Doch oftmals werden besonders neugierigen Menschen auch weitere positive Eigenschaften zugesagt. Die Neugier-Studie des Unternehmens Merck hat 2016 vier Dimensionen der Neugierde erforscht.

Die Wissbegierde ist hier sicher die stärkste Triebfeder. Proaktive Frage, schnelles Handeln und Denken als auch ein ausgeprägter Forschungsdrang wandeln die Neugierde in einen unstillbaren Wissensdurst.

Auch Kreativität ist eine Schlüsseleigenschaft, um die Neugier erfolgreich zu befriedigen. Je kreativer wir eine Status quo in Frage stellen und neue Ansätze bei der Problemlösung probieren, desto wahrscheinlicher kommen wir ans Ziel.

Hierzu zählt auch eine gehörige Portion Offenheit. Neue Erfahrungen sehen wir nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung, ganz gleich ob sie von einem selbst oder von anderen stammen.

Wer dies alles bewältigt, ist mit einer hohen Stresstoleranz befähigt. Keine Furcht vor Risiken und unbekannten Erfahrungen fördert alle vorherigen Eigenschaften. Vielleicht ist diese Stresstoleranz auch die wichtigste Eigenschaft für Neugier.

Neugierde, Vertrauen und Belohnung als Dreiklang?

Neugierde, Vertrauen und Belohnung bilden gemeinsam einen unschlagbaren Dreiklang für unser Verhalten. Alle drei bilden die Voraussetzung, um uns in einen Zustand des Glücks zu versetzen oder Neues zu erfahren.

Ohne den direkten Ausblick auf eine Belohnung wird unsere Neugier nicht angetrieben. Der Moment, wenn sich Dopamin im Kopf freisetzt, bildet die stärkste Motivation für den nächsten Schritt zur Belohnung. Doch es ist genau dieser nächste Schritt, der uns neugierig immer tiefer ins Ungewisse treibt. Der Wille zum Entdecken kann uns auch verunsichern oder ängstlich machen. Vertrauen und Sicherheit sind so unsere Taschenlampen in der Dunkelheit.

Neugier, Vertrauen und Belohnung im Dreiklang
Der neugierige Dreiklang begleitet uns in jedem Moment unseres Alltags.
(Quelle: Stefan Niemeyer)

Was hemmt Neugier?

„Ich bin gerade im Flow“ – wer kennt diesen Satz nicht. Dieser Moment, wenn wir uns im totalen Einklang mit uns selbst befinden. Nicht zu viel. Nicht zu wenig.

So ist es auch bei der Neugier. Mit dem optimalen Grad der Aktivierung sind wir unserem „Flow“ ganz nah. Nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz befinden wir uns optimal zwischen totaler Langeweile und grandioser Überforderung. Wir bewegen uns in einem „entspannten Feld“, in dem wir unsere Wissbegierde lustvoll ausleben können.

Zeitmangel, Druck, Scham oder Unzufriedenheit stören dieses „entspannte Feld“. Auch unser „Flow“ ist dahin. Sind wir von Angst getrieben, wird jeder Antrieb zur Neugierde gehemmt.

Hat Neugier auch eine dunkle Seite?

Nicht ohne Grund galt die Neugier über Jahrhunderte als „böser Trieb“. Das Wort „Gier“ ist heute noch mit negativen Eigenschaften besetzt.

Es war die neugierige Pandora, die in der griechischen Mythologie das Übel über die Welt brachte. Diese aus Lehm erschaffene Frau öffnete aus purer Neugier das Fass, in dem Zeus die Plagen der Menschheit aufbewahrte. Schon war es geschehen.

„Die Neugier ist der Katze ihr Tod.“
Volksweisheit

In der heutigen Zeit sprechen wir von der übertriebenen Neugier. Sensationslust und Penetranz lassen ein neugieriges Verhalten ins Negative rutschen.

Doch diese dunkle Seite der Neugier soll nicht der Antrieb für diesen Blog und das Buch sein.

Vielmehr geht es um die spannende Frage: Wie wecken wir kontinuierlich Neugierde bei unseren Gästen und Kunden? Wie bereiten wir ihnen im Marketing ein „entspanntes Feld“ und bringen sie in den „Flow“? Wie wird unser Produkt zur größten Belohnung für ihre Neugierde?

Wir nennen das Neugiermarketing.  😉

 

 

Wer ist hier neugierig?

Stefan Niemeyer

Julia und Stefan sammeln neugierige Momente im Marketing. Stefan ist Senior Conversion Architekt bei neusta etourism in Bremen. Warum er auf 🎸 🇺🇸 👻 🤔 🏰 neugierig ist? Erfahre mehr über Stefan

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